Sie sind hier: Kindergarten / Wald- und Wiesengruppe / Im Freien
...

Der Aufenthalt im Wald und auf Wiesen

Die Ausbildung der Leibessinne

Im ersten Jahrsiebt steht bei den Kindern die gesunde Ausbildung der vier Leibessinne bzw. der unteren vier Sinne (Tast-, Lebens-, Eigenbewegungs- und Gleichgewichtssinn) im Vordergrund. Diese Sinne richten sich ganz auf den eigenen Körper und die eigenen Lebensprozesse. Sie sind wesentlich und bilden die Basis für die Entwicklung von Selbstvertrauen, Selbstbeherrschung, Selbstregulation, Selbstempfinden und Selbsterleben und letztlich auch für ein gesundes Vertrauen in die Welt. Jedoch wirken nur anregende Sinneseindrücke unterstützend auf einen gesunden Leibaufbau.

Eigenbewegungssinn (Motorik)

Gerade das Draußen-Sein, die täglichen Spaziergänge und das Spielen im Wald und auf der Wiese kommen dem natürlichen Bewegungsdrang der Kinder entgegen und fördern ihre motorischen Fähigkeiten. So bieten Wald und Natur von sich aus vielfältige Bewegungsanlässe, denn hier wird es möglich, die eigenen Kräfte auszuprobieren, auf Bäume zu klettern, zu hüpfen, zu kriechen oder über Baumstämme zu springen.

Gleichgewichtssinn

Eng in Verbindung mit der Bewegung steht auch die Stärkung des Gleichgewichtsinns der Kinder. Diese balancieren über Baumstämme, gehen auf unebenen Boden oder über Wurzeln, wobei eine Änderung der Körperhaltung bei jedem Schritt nötig wird, um ein Hinfallen zu vermeiden. Außerdem machen die Kinder wertvolle Erfahrungen mit verschiedenen Bodenbeschaffenheiten: Sie erleben eine andere Art des Laufens auf harten, geteerten Wegen im Vergleich zu weichen Waldböden, Sand, Matsch, Kies oder Gras.

Tastsinn

Darüber hinaus ermöglichen Naturmaterialien eine Vielzahl an Tasterlebnissen. Die Kinder hantieren und spielen mit Sand, Erde, Wasser, Steinen, Stöckchen und Rinden. Sie erspüren am eigenen Leib die Wirkung von Wärme und Kälte, von Wind, Regen und Nässe und lernen unterschiedliche Oberflächenbeschaffenheiten, wie rau - glatt, rund - spitz, zart - faserig etc. kennen. Auch das Erleben der vier Elemente (Feuer, Erde, Wasser, Luft), die zu den existentiellen Lebensgrundlagen des Menschen zählen, bereichert das Kind in seiner Entwicklung.

Das kreative und phantasievolle Spiel der Kinder

Die Natur bietet eine Fülle an Materialien, durch die die Kreativität und die Phantasiekräfte der Kinder angeregt werden; denn Steine, Äste, Stöcke etc. erhalten ihren Wert erst durch das Zuschreiben einer Bedeutung. So kann ein Ast zum Bohrer, ein umgestürzter Baumstamm zum Feuerwehrauto, Rindenstückchen zu Gemüse etc. werden. Zudem beeinflussen die sich täglich ändernden Naturgegebenheiten das kindliche Spiel. In der Natur tritt das Spiel an sich in den Vordergrund und fördert dabei wie von selbst Sozialverhalten und Kommunikation.

„Immer wieder neu entstehen aufgrund der lebendigen Naturbedingungen neue Spielanlässe, Impulse und Situationen, in denen die Kinder sich finden und verabreden müssen (…). Im Miteinander ist das Kind auf das Mittun, das Soziale des Anderen angewiesen.“
(Ulrike und Frank Kaliss: Draußen sein! Die Hofgruppe in Schwäbisch Gmünd ver-bindet Waldorfpädagogik mit Naturpädagogik. In: Erziehungskunst frühe Kindheit 02/2017. Seite 10)
.

Dem Spiel der Kinder bietet die Natur zahlreiche Entfaltungsmöglichkeiten, wobei der Himmel, die Erde und die Erzieherinnen die Hülle bilden. Durch die täglichen Aufenthalte in der Natur erfährt das Kind ein Eingebettet-Sein in den jahreszeitlichen Naturkreislauf, ein unmittelbares Erleben der verschiedenen Jahreszeiten mit ihren je eigenen Qualitäten wird möglich. Dies fördert letztlich das Gefühl des Kindes des Verbunden-Seins mit der Erde und trägt zu seiner eigenen Verwurzelung und Erdung bei.

„Diese Erdung vollzieht sich durch eine tiefe Durchdringung der sieben Lebensprozesse der Kinder im ersten Jahrsiebt: Atmung, Wärmung, Ernährung, Absonderung, Erhaltung, Wachstum und Reproduktion. Alles Lebendige ist durchdrungen von diesen Lebensprozessen (…), sie bilden die Grundlage des Kindes in leiblich-lebendiger Hinsicht. Im Draußen-Sein erlebt sich das Kind ganz integriert in diese Lebensprozesse und ist mit ihnen verwoben. Sie finden sich in den Organismus hinein, konsolidieren sich und helfen beim Aufbau des Leibes. Gelingt das frei und gesund, kann sich darauf aufbauend die weitere seelische und geistige Entwicklung vollziehen.“ (ebd. Seite 11).   

Die Natur-Kinder-Werkstatt

Natur und Kultur, zwei in der Menschheitsentwicklung nicht zu trennende Elemente. In der Natur-Kinder-Werkstatt möchten wir den Kindern die Urkulturgüter wie Gartenbau und Handwerk nahebringen. Die Arbeit im Netzwerk mit der Waldorfschule, die über Werkstätten, Gartenbau, Schulküche, Bienen AG und Brot AG verfügt, eröffnet den Kindern viele Möglichkeiten im Mittun und Miterleben. So wird im Jahreslauf gesät, gepflegt, geerntet, verarbeitet und natürlich verzehrt. Auch die Bienen werden mit einer Bienenweide bedacht, da können die unterschiedlichen Insekten beobachtet und benannt werden, die Bienenstöcke über das Jahr hinweg besucht und beobachtet werden, bis dann der Honig geschleudert und gekostet wird. In der Töpferei werden Ostergrasschälchen geformt und gebrannt, in der Schreinerei, der Schmiede und beim Steinhauen erleben die Kindergartenkinder die Schüler und ihre Meister bei der Arbeit und können bei eigenen Aufträgen mitarbeiten. Einmal in der Woche wird im Holzbackofen das Brot für unser Frühstück gebacken. Die Kinder erleben den gesamten Herstellungsprozess vom Mahlen des Getreides mit einer handbetriebenen Getreidemühle über das Kneten und Formen des Teiges, das Anheizen des Holzbackofens bis zum frisch duftenden Brot oder Brötchen. Diese sinnhaften, auf das tägliche Leben bezogenen und in ihrer Gesamtheit nachvollziehbaren Tätigkeiten helfen dem Kind, sich mit der Welt zu verbinden. Sie bilden die Grundlage, um später die immer komplexer werdenden Zusammenhänge zu begreifen und für sich handhabbar zu machen. Eingebettet sind diese Tätigkeiten in den Jahreslauf und den Lauf der christlichen Jahresfeste. In Ehrfurcht mit der Schöpfung umzugehen ist ein wesentliches Ziel unserer Arbeit und soll den Kindern Sicherheit und Zuversicht vermitteln.