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Pädagogische Aspekte

Sprache bedeutet für den Menschen weit mehr als nur ein Mittel zur Kommunikation. Sie ist die wichtigste Grundlage allen sozialen Lebens, indem sie Menschen die Möglichkeit gibt, einander mitzuteilen, was sie im Inneren bewegt. Aber Sprache leistet noch mehr: Indem das Kind sie lernt, erschließen sich ihm die Sinnzusammenhänge der Welt, strukturiert sich der Kosmos der Gedanken. Fragen nach dem Woher und Wohin des Menschen, nach dem Warum der Dinge und Vorgänge können nur durch das Medium der Sprache gestellt und beantwortet werden.

Die im vorigen Abschnitt dargestellte grob- und feinmotorische Entwicklung bildet die leibliche Voraussetzung für den Spracherwerb des Kindes. Wie aber das Kind niemals zu einem aufrechten Gang gelangen könnte ohne das Vorbild aufrecht gehender Erwachsener, so braucht es auch für den Spracherwerb Vorbilder, nicht nur um die akustischen Phänomene aufzunehmen, sondern auch und ganz besonders, um Tonfall, Gestik, Mimik und Haltung des Sprechenden wahrzunehmen, denn der weitaus größte Teil sprachlicher Kommunikation bedient sich nonverbaler Mittel. Diese Aufgabe kann nicht von technischen Medien übernommen werden, wie vielfältige Untersuchungen zeigen. Sie kann nur in der lebendigen Interaktion von Mensch zu Mensch stattfinden. Dazu aber braucht das Kind Erwachsene, die ihm ihre Aufmerksamkeit und genügend Zeit schenken. Das wechselseitige Hören und Sprechen ist die Voraussetzung für jegliche Sprachentwicklung und Sprachförderung.

Phasen der Sprachentwicklung

Mit der ersten Kontaktaufnahme zu seiner Umgebung beginnt der Säugling bereits, sich Elemente der Sprache anzueignen: Ausdruck, Tonfall, Mimik und Gesten der Menschen um ihn herum geben ihm Gelegenheit, nach dem Sinn der wahrgenommenen Klänge und Laute zu forschen, lange bevor er selbst sie hervorbringen kann. Das eigene Sprechen muss dann in einem hochkomplexen Prozess motorisch- muskulärer Feinsteuerung erlernt werden, bei der die Regulation und Rhythmik des Atems ebenso zu trainieren ist wie die Beherrschung von Mimik und Körpersprache. Dieser Prozess reicht bis weit in die Schulzeit hinein. Je größer mit zunehmendem Alter der Wortschatz wird und je differenzierter der Sprachgebrauch, desto tiefer und vielfältiger entwickelt sich die Möglichkeit, die innersten Gefühle und eigenen Gedanken auszudrücken. Richtiges und reichhaltiges Sprechen ist die Voraussetzung für das Freiwerden des Denkens, das dann auch über die Sprache hinauswachsen kann.

Kinder haben nachweislich schon ab dem Säuglingsalter eine erstaunliche Fähigkeit, in der Sprache ihrer Umgebung völlig unbewusst strukturelle Regeln und Gesetzmäßigkeiten wahrzunehmen und im Gehirn zu verankern (vgl. Manfred Spitzer in dem Buch „Lernen“).

Wenn sie dann die Fähigkeit erworben haben, selbst Sätze zu bilden und immer kompliziertere Zusammenhänge richtig auszudrücken, „können“ sie offenkundig die sprachlichen Regeln, ohne sie jemals bewusst gelernt zu haben. Erst in der Schule werden die Regeln und Gesetzmäßigkeiten, Grammatik und Syntax schrittweise ins Bewusstsein gehoben, besonders auch im Zusammenhang mit dem Erlernen von Fremdsprachen. Voraussetzung für diese hochgradige Abstraktionsleistung ist die Fähigkeit des Schreibens, bei der Sprache in fixierte grafische Formen gerinnt und durch bewusste Anstrengung zurück in die Hörbarkeit gebracht werden muss.

Förderung ethisch - moralischer Werte durch Sprache

Durch die Sprache erhält das Kind nicht nur die Möglichkeit, seine eigenen Gedanken und Gefühle zum Ausdruck zu bringen. In wachsendem Maße kann es durch Sprache auch die Welt, die anderen Menschen, fremde Kulturen und Religionen wahrnehmen, menschliche Beziehungen aufbauen und Andere in ihrem Anderssein verstehen. Mit dem Spracherwerb bildet sich im Kind der Sinn für Moralität und Wahrheitsliebe, denn es lernt, dass jedes Wort eine bestimmte Bedeutung, einen Sinn hat. Es geht deshalb instinktiv davon aus, dass die nach dem Wort zu erwartende Handlung auch eintritt, dass Wort und Tat übereinstimmen. Insofern ist es von größter Bedeutung, mit welcher Gesinnung und Wahrhaftigkeit wir mit dem Kind sprechen. Ironisches Sprechen bleibt dem kleinen Kind völlig unverständlich. Erst das älter werdende Kind durchschaut den absichtlichen Bruch zwischen Wort und tat-sächlich gemeintem Sinn und kann ihn als Witz verstehen.

Sprachliche Anregung durch den Erwachsenen

Am besten wird der Spracherwerb gefördert durch eine Umgebung, in der viel mit dem Kind gesprochen wird, vor allem, wenn die Erwachsenen klar artikuliert und zusammenhängend sprechen. Die Übereinstimmung der Worte der Erwachsenen mit ihrer Körper- und Gebärdensprache wird von Kindern in feinster Weise wahrgenommen und auf ihre Wahrhaftigkeit geprüft. Das fordert von den Erwachsenen ein hohes Maß an Selbstdisziplin.

Wichtig ist aber auch die Geduld, dem Kind zuzuhören und es ausreden zu lassen, damit es in Ruhe seine Gedanken und Anliegen selbst in Worte und Sätze fassen kann. Dafür muss vielfältige Gelegenheit sein, z.B. beim Begrüßen, während der Spielzeiten oder bei Tischgesprächen.

Das Kind sollte nach Inhalt und Wortgebrauch altersgemäß angesprochen werden, aber nie „kindisch“ oder in Kleinkind-Sprache. Bildhafte, phantasievolle Sprache fördert die Entwicklung besonders gut. Von großer Bedeutung für die Sprachkultur sind deswegen die vielen rhythmischen Reime, Verse und Gedichte, Tänze oder Reigen, wie sie im Waldorfkindergarten oder in der Eurythmie gepflegt werden. Hier sind Sprache, Musik und Bewegung harmonisch miteinander verbunden, so dass der ganze Mensch angesprochen wird.

Das tägliche Hören von Geschichten oder Märchen bereichert nicht nur den Wort- und Sprachschatz der Kinder, sondern regt auch die Phantasie und Gestaltungskraft an. Wie bei jedem Lernvorgang ist hier wichtig, dass über längere Zeit dasselbe er-zählt oder im Puppenspiel gezeigt wird, damit sich das Kind mit dem Inhalt und der Darstellung verbinden kann. Kinder haben Freude am Wiedererkennen, gewinnen Sicherheit im Umgang mit anspruchsvoller Sprache und integrieren das Gehörte in ihrer Weise phantasievoll in ihr freies Spiel.