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Pädagogische Aspekte

Kinder haben ein großes Interesse an allen Erscheinungen in der Natur. Neugierig forschend, fragend und probierend gehen sie auf die Welt zu, nicht mit wissenschaftlich-kritischer Reflexion, sondern mit spontaner Tätigkeit und Empfindung. Neben der Nachahmung von Handlungen Erwachsener hat vor allem das freie, unbeeinflusste Spiel des Kindes eine herausragende Bedeutung für die Vorbereitung einer mathematisch-naturwissenschaftlichen Bildung: Im Umgang z.B. mit naturbelassenem, zweckfreiem Material nutzt das Kind die Gelegenheit zum selbständigen Bauen und Konstruieren, zum Sortieren, Ordnen, Vergleichen und Ausprobieren. Es erlebt dabei unbewusst Maße, Gewichte, Qualitäten, Quantitäten. Es erforscht die sinnliche Welt, lernt mit ihr umzugehen und sie zu gestalten. Lange bevor es mit Zahlen im engeren Sinn rechnet oder physikalische Gesetze bewusst handhabt, erobert es sich wie unbemerkt die Grundlagen mathematisch-physikalischer Fähigkeiten. Alles, was später mit dem Verstand erkannt und gedacht werden kann, ist vorher sinnlich-leiblich erfahren, getan, begriffen worden.

Grundlagenbildung

Das kleine Kind hat gewissermaßen ein geozentrisches Weltbild. Es lebt jederzeit in der Gegenwart, sein eigenes Erleben steht im Mittelpunkt. Erst nach und nach entwickelt sich aus dem Heute und Jetzt ein Bewusstsein von Gestern und Morgen, ein Leben auch in Vergangenheit und Zukunft und damit die bewusste Erinnerung. Voraussetzung für diesen Schritt ist, dass das Kind in einem durch den Erwachsenen bewusst gestalteten, immer ähnlich wiederkehrenden Tages- Wochen- und Jahresrhythmus lebt. Es erfährt die Zeit durch Gliederung, Ordnung und Maß. Ebenso wie die Zeit ist das Erleben des Raumes, der Menge, der Proportionen für das Kind in der Kindergartenzeit zunächst noch nicht objektiv erlebbar und abzuschätzen.

Das langsame Erwachen des Bewusstseins für die Qualitäten von Raum und Zeit, von Menge, Zahl und geometrisch-mathematischen Gesetzmäßigkeiten ist beim Kind eng mit seiner leiblichen Entwicklung verbunden. Deswegen muss die gesunde Bildung und Ausreifung der Sinnesorgane und -funktionen sowie des Bewegungsorganismus vorrangiges Ziel der Elementarpädagogik sein, bis in die ersten Schuljahre hinein.

Handelnd lernen die Kinder die Eigenschaften und Gesetzmäßigkeiten ihrer Umwelt kennen. Schon das Sich-Aufrichten und Gehenlernen stellt das Kind in die Erfahrung der Schwerkraft und in die Dimensionen des Raumes. Später werden Schwung, Auf-trieb, Schwerkraft, Fliehkraft, Reibung usw. leiblich erfahren im Schaukeln, Seil-springen, Karussellfahren, Wippen, Rutschen, und das solchermaßen Erlebte wird im Spiel nachvollzogen, indem die Kinder z.B. Kastanien auf schief gelegten Bretten herunter rollen lassen, oder indem Murmelbahnen, Brücken und Türme gebaut werden. Hebelgesetze, Statik, Balance werden dabei erprobt. In der Eurythmie und im Reigen werden geometrische Formen wie Kreis und Mittelpunkt, Oval, Gerade, Spirale, Innen/Außen, Oben/Unten, Rechts/Links durch die eigenen körperlichen Bewegungen unbewusst erlebt. Räumliche Vorstellungskraft und das Gefühl für Proportionen schulen sich daran.

Die Zusammenhänge, die das Kind im Spiel, im Experimentieren mit dem Material und durch den Einsatz mit seinem ganzen Körper erlebt, verdichten sich zu einer noch unbewussten körperlichkinästhetischen Intelligenz, und diese bildet die Grundlage für das exakte mathematisch-naturwissenschaftliche Denken und Verstehen im späteren Leben. Um die Zeit des beginnenden Zahnwechsels erlangt das Kind die Fähigkeit, mit räumlichen und zeitlichen Vorstellungen rational umzugehen, und so kann in der Schule als Gesetz erkannt und gedacht werden, was in den ersten sechs Lebensjahren leiblich erfahren und im Spiel ausprobiert wurde.

Bildung ethisch - moralischer Werte

Kann das Kind am Erwachsenen dessen Staunen erleben über Erscheinungen der Natur, Freude, Achtung und Ehrfurcht gegenüber allem, was lebt, dann wird in ihm ein tiefes Verantwortungsgefühl veranlagt, ja sogar ein religiöses, moralisches Fundament gelegt. Es erlebt die Welt in ihren Gesetzmäßigkeiten und ihrer Verlässlichkeit und gewinnt dadurch Lebenssicherheit und eine positive seelische Beziehung zur Umwelt. Das Kind bekommt die innere Gewissheit, dass im menschlichen Denken dieselben geistigen Kräfte und Zusammenhänge wirksam sind wie in den Vorgängen der Natur und dass folglich wahr ist, was gedacht wird. Es gewinnt Vertrauen in das eigene Dasein und erfährt die Welt als einen Ort, an dem es sich beheimatet fühlt. Die Welt als geordnet und gut erleben zu können, ist in den ersten Lebensjahren fundamental wichtig, weil das dem Kind die Grundlage und Lebenskraft gibt, die es braucht, um später den Gefahren und Problemen des Lebens mit Kraft begegnen zu können.

Anregungen im Kindergartenalltag

Im Tagesablauf des Kindergartens und im Spiel wird vielfältig mit Zahlen, Mengen und physikalischen Gesetzen umgegangen, ohne sie durch Reflexion ins Bewusstsein zu heben. Das Kind erfährt die Mengen und Zahlen z.B. beim Tischdecken, beim Zerteilen eines Apfels, beim Abmessen der Zutaten für das Backen, beim Zählen der gebackenen Brötchen usw.

Tatsachenlogik und das Verständnis für Systematik werden rein aus der Handlung heraus gefördert, indem täglich nach dem Freispiel gemeinsam aufgeräumt, die gebrauchten Materialien sortiert und an den für sie bestimmten Platz gebracht werden. Das schafft neben der äußeren auch eine innere Ordnung, fördert den Überblick und die Selbständigkeit.

Im Freien erfährt das Kind im Umgang mit Sand, Lehm, Wasser, Holz, Stein usw., wie verschieden sie sich anfühlen. Die Qualitäten von Hart/Weich, Rau/Glatt, Warm/Kalt werden leiblich erfahren, aber auch wie unterschiedlich sich Sand oder Lehm zu Wasser verhalten, oder dass Blätter und Holz schwimmen, während Steinchen im Wasser untergehen.

Die Pflege des Gartens, die Spaziergänge und kleinen Ausflüge in den Park, die Weinberge und den Wald geben Gelegenheit, Pflanzen kennen zu lernen und in ihrem Wachsen, Blühen und Welken zu verfolgen. Tiere werden beobachtet, Regenbogen und Wolken bestaunt, der Jahreslauf mit dem Sonnengang, der wechselnden Helligkeit und Dunkelheit, Wärme und Kälte wahrgenommen.

Für die Veranlagung naturwissenschaftlicher Bildung ist viel gewonnen, wenn die Kinder in diesem Alter statt trockener Abstraktionen eine unmittelbare, seelisch gesättigte Erfahrung bekommen von der unerschöpflichen Fülle der Sinneswelt, eine Erfahrung, die das Staunen und die produktive Neugierde wach hält bis in die spätere Schulzeit, wo die Dinge auch mit dem Verstand erfasst werden wollen. Hier trifft dann das rationale gedankliche Element auf eine Empfindungsgrundlage, die schon in der Kindheit angelegt wurde und jetzt dafür sorgt, dass sich der Mensch nicht nur über seinen Kopf mit der Welt verbindet, sondern als ganzer Mensch mit Kopf, Herz und Hand.