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Rhythmisch - musikalisch - künstlerische Bildung

Pädagogische Aspekte

Kinder sind geborene Künstler. Mit ihren schöpferischen Fähigkeiten schreiten sie freudig zur Tat und stehen mit ihrem tätigen Schaffen gewissermaßen mitten in der Welt, tauchen unbewusst ein in das Wesen der Dinge, während wir Erwachsenen eher als Zuschauer, Betrachter und Kritiker auf Distanz bedacht sind. Unser kausal-logisches, wissenschaftlich-bewusstes Denken steht den schöpferischen Kräften des Kindes polar gegenüber.

Die pädagogische Kunst besteht darin, das Kind in das bewusste Verstehen der Welt zu führen, ohne dass es das schöpferische Potenzial, die individuelle Gestaltungskraft verliert. Das braucht Entwicklungszeit. Künstlerische Tätigkeiten aller Art sind hierfür ein unschätzbares Hilfsmittel, vorausgesetzt, wir sind bereit, selbst wieder zu lernen und zu Künstlern zu werden.

Pflege von Musik und Rhythmus

Im Familienalltag, aber auch in der Schule wird mit Kindern immer weniger gesungen. Diese urmenschliche Tätigkeit bedarf heute besonderer Pflege. Dass es sich da-bei nicht nur um eine Angelegenheit für das menschliche Gemüt handelt, hat die neuere Wissenschaft herausgearbeitet: Sie konnte nachweisen, dass Singen gesundend wirkt, den Atem vertieft und nicht zuletzt die Ausreifung der Atem- und Sprachorgane unterstützt.

Besondere Bedeutung kommt beim Singen wie bei allen musikalischen Tätigkeiten dem Rhythmus zu. Er übt eine ordnende und stabilisierende Wirkung aus, sowohl auf die leibliche wie auch auf die seelisch-geistige Organisation des Kindes. Zugleich knüpft das Kind hier an seine pränatale Entwicklungszeit an, in der es unter dem fortwährenden Einfluss von Herzschlag und Atmung, Gang und Bewegungen der Mutter stand. Auch die Rhythmen der Sprache werden schon vorgeburtlich wahrgenommen und sind dem Neugeborenen vertraut, lange bevor es selber das Sprechen erlernt.

Rhythmus verbindet Sprache, Musik und Bewegung, und dieser Dreiklang sollte als ein Lebenselement die Kindheit durchziehen. Der Kindergarten bietet dazu vielerlei Gelegenheiten, indem die Kinder täglich Lieder und Verse singen und nach dem Vorbild des Erwachsenen dazu auch Bewegungen machen, die dem Inhalt entsprechen. Unaufgefordert bemühen sie sich dabei, die adäquaten Gesten und Bewegungen immer exakter auszuführen. So werden z.B. große stampfende Schritte im Wechsel mit kleinen trippelnden geübt, oder man galoppiert als Pferdchen und hat die Aufgabe, wenn der Rhythmus endet, aus dem Hüpfen oder Springen sofort zum Stillstand zu kommen. Hier lernt das Kind ohne jede Belehrung komplexe, sensomotorische Leistungen, die ihm tiefe Befriedigung geben und es zugleich in seiner Entwicklung voranbringen.

Bildung ethisch - moralischer Werte durch Musik

Musik führt zu seelischer Harmonie und Ausgeglichenheit, fördert die kognitive Entwicklung, Bewegungsfreude und Vitalität, stärkt die Lebenssicherheit und festigt die Persönlichkeit. Musikalisch-rhythmisch-künstlerische Betätigung fördert zugleich die Willenskraft als Triebfeder jeder Aktivität und schöpferischer Phantasie. Initiativkraft und Flexibilität werden veranlagt.

Musik führt den Menschen aber nicht nur nach innen zu sich selbst, sondern auch nach außen in die Welt: Indem die Qualität von Klängen, Tönen, Melodien und Rhythmen erlebt wird, erfährt das Kind zugleich, wie sich im Ton das Wesen der Dinge ausspricht; es rührt an die Sphäre der Echtheit und Wahrhaftigkeit. Ebenso wird der soziale Zusammenhang gestärkt: Denn im Aufeinander-Hören und sich aufeinander Einstimmen entsteht eine integrierende Gemeinsamkeit, zu der jeder Teilnehmer kraft seiner Individualität einen unverzichtbaren Beitrag leistet. Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass gemeinsames Musizieren nicht nur die Musikalität fördert, sondern auch die Sozialfähigkeiten steigert.

Künstlerische Tätigkeiten im Kindergarten

Sprachlich-rhythmisch-musikalische Elemente durchziehen den Tagesablauf im Waldorfkindergarten. Es werden immer wieder Lieder gesungen, einfache Musikinstrumente wie Kinderharfe, Xylophon, Klang- und Glockenspiele kommen zum Einsatz, rhythmische Verse und Reime werden gesprochen, Fingerspiele und Handgestenspiele kommen dazu, von Zeit zu Zeit auch Eurythmie, und täglich wird eine Geschichte oder ein Märchen erzählt.

Eine besondere Verdichtung erfährt die künstlerische Tätigkeit im Reigen (Dauer etwa 20 Minuten). Hier werden Lieder und Verse, die in einem Sinnzusammenhang mit der Jahreszeit stehen, gesungen, gespielt und durch gezielte Gebärden unter-stützt. Hören und Sehen, Empfinden und Vorstellen, Bewegen und Handeln durch-dringen einander, verschmelzen im Mitmachen zu einem Ganzen und bilden das Kind bis in seine Leiblichkeit hinein. Förderung der Sprache, der Bewegung und Musikalität finden gleichermaßen statt, der Wille wird geschult, soziale Fähigkeiten werden geübt, indem sich die Kinder in die Formation einordnen, etwas paarweise oder alleine tun dürfen, abwarten oder zuschauen. Die Altersmischung der Gruppe unterstützt diese ganzheitliche Bildung, indem die älteren Kinder Vorbildfunktion bekommen, weil sie den Reigen aus dem Vorjahr schon kennen, die Bewegungen und Lieder gut können und auch besondere Übungen und komplizierte Bewegungsabläufe für sie eingebaut werden. Das stärkt ihr Selbstvertrauen und spornt die Kleinen an.

Das Hören von Musik, Gesang oder Geschichten auf Tonträgern kann das Vorsingen und Erzählen nicht ersetzen. Die Kinder brauchen die Verbindung mit einer erlebbaren Person, um über das Vorbild zum eigenen Tun zu kommen. Dabei ist es nicht erforderlich, dass der Erwachsene über ein ausgeprägtes musikalisches oder rhetorisches Können verfügt. Was für die Kinder zählt, ist nicht das Können, sondern das Bemühen des Erwachsenen, selber zu singen und zu erzählen.

Eine andere künstlerische Tätigkeit kann das Kneten mit Bienenwachs sein. Hier erfahren die Kinder die Gestaltungskräfte ihrer Hände, die Wirkungen von Wärmeprozessen, von Druck-und Gegendruck, sie erleben Kanten, Flächen, verschiedenartige Formen und deren Verwandlung im Raum. Auch das Malen mit Wasserfarben mit der ungeheuren Freude an der Bewegung, dem Verwandeln, Verbinden, Begegnen und Mischen der Farben hat seinen festen Platz im Kindergarten. Hier, wie beim Malen mit Wachsfarben, werden im Kindergartenalter keine Themen gestellt, um dem Kind die Spontaneität nicht zu nehmen, mit der es schaffen will. Alles Korrigieren, Bewerten und Reflektieren schafft Distanz, die den inneren Gestaltungswillen und die Phantasie hemmt. Für das Kind dieser Altersstufe kommt es auf das Schaffen an, nicht auf das Ergebnis. Das Kind lebt im Jetzt, in der unmittelbaren Tätigkeit, in der Gegenwartserfüllung.