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Eigener Bildungsauftrag für die Elementarstufe

Auf Grund ihres Verständnisses entwicklungsphysiologischer und entwicklungspsychologischer Gesetzmäßigkeiten sieht Waldorfpädagogik für die frühkindliche Erziehung wie auch für den Bildungsauftrag des Kindergartens und der Kinderkrippe ganz anders geartete Aufgaben als für die darauf folgende Schulzeit. Nicht das Herausfordern reflektorischer und intellektueller Möglichkeiten steht im Vordergrund, sondern das Eintauchen in vielfältig differenzierte Tätigkeiten und sinnlich konkrete Erfahrungen, durch die das Kind seine Erfahrungswelt in unmittelbarer, aktiver Teilnahme erweitert und vertieft.

In diesem Zusammenhang kommt dem kindlichen Spiel große Bedeutung zu. Ferner gilt es, die Nachahmungsfähigkeit des Kindes gegenüber dem, was die Erwachsenen durch ihre Tätigkeit und ihr Verhalten vorleben, bewusst anzuregen und zu pflegen, denn Nachahmung ist für das Lernen in diesem Alter fundamental.

Pädagogische Gestaltung des Lebensumfeldes

Das Kind trägt in sich einen Quell unerschöpflicher Aktivität. Es ist ein Wesen, das sich aus eigenem Antrieb entwickelt und bildet. Das schrittweise Ausbilden der sensorischen und motorischen Fähigkeiten, mit denen es sich in der Welt bewegen und die Welt erkunden kann, ist dem Kind selbst ein Bedürfnis, dem es mit größter Intensität nachkommt. Es arbeitet sich gewissermaßen von selbst in die Welt hinein und entwickelt dadurch seine Fähigkeiten.

Da aber die heutige Lebenswelt vielfach nicht mehr das nötige Maß an Anregungen und Betätigungsmöglichkeiten bietet, die das Kind vorfinden müsste, um sich selbst bilden zu können, gewinnt die pädagogische Gestaltung des Lebensumfeldes des Kindes zunehmend an Bedeutung.

Eltern und Kindertagesstätten (wie auch später die Schule) haben die Aufgabe, die äußeren und inneren Bedingungen zu schaffen, die es dem Kind von Geburt an er-möglichen, sich gemäß seinen individuellen Möglichkeiten und Fähigkeiten zu entwickeln.

Positive Lernatmosphäre und verlässliche Beziehungen

Eines der Hauptbedürfnisse des Kindes, damit es körperlich wie auch seelisch und geistig gedeihen kann, ist die liebevolle Zuwendung der Erwachsenen, verbunden mit der Bereitschaft, als Bezugsperson eine vertrauensvolle und verlässliche Bindung zu dem Kind aufzubauen.

Die positive emotionale Umgebung bildet den entscheidenden Nährboden für gesunde Entwicklung, für Lerneifer und Weltinteresse und gehört somit zu den Gestaltungsaufgaben aller am Erziehungsprozess Beteiligten.

Vorbildfunktion der Erwachsenen

Ungeachtet der Fähigkeit zur Selbstbildung benötigt das Kind auf allen Gebieten Vorbilder, an denen es sich orientieren und die es nachahmen kann. Das äußere Verhalten und die innere Haltung der Erwachsenen bilden die erste und elementarste Lernumgebung des kleinen Kindes, die in seiner Biografie wesentliche Spuren hinterlässt.

Durch Selbsterziehung und bewusste Reflexion der eigenen Tätigkeit können Erzieherinnen und Erzieher ihrer Vorbildaufgabe gerecht werden.

Grundlagen für die Authentizität der Persönlichkeit

Sind diese Grundbedingungen gegeben, kann der heranwachsende junge Mensch zugleich mit der Ausbildung seiner leiblich-körperlichen Fähigkeiten auch das Instrumentarium seiner seelischen und geistigen Möglichkeiten immer differenzierter ausgestalten, so dass es ihm zur Verfügung steht zur Verwirklichung derjenigen Impulse und Lebensentscheidungen, die seiner ganz besonderen, einmaligen Individualität gemäß sind.

Gleichwohl ist das Bestreben der Individualität, mit sich selbst und den eigenen Zielen in Übereinstimmung zu leben, ein sensibler, störanfälliger Prozess, der zeitlebens Anstrengungen erfordert und auch misslingen kann. Ziel der Waldorfpädagogik ist es daher, dem heranwachsenden jungen Menschen die Fähigkeit zu vermitteln, sich den Herausforderungen dieses Prozesses zu stellen und sie so zu meistern, dass die leiblich-seelisch-geistige Gesamtorganisation immer wieder neu in ein gesundes Gleichgewicht gebracht werden kann, das Stressresistenz und Kreativität, Lebensmut und Tatkraft ermöglicht.

Veranlagung von Kohärenz u nd Resilienz

Waldorfpädagogik trifft sich hier mit den Ergebnissen der modernen Salutogenese-Forschung, welche die Grundlagen menschlicher Gesundheit nicht in erster Linie auf biologischem Felde findet, sondern in den seelischen und geistigen Fähigkeiten, die ein Mensch sich erwirbt und in den Krisen des Lebens bewährt.

Hierzu zählen vor allem die Kohärenz (seelisches Verbundensein mit der Welt) und die Resilienz (Kraft zum Bejahen und Meistern von Widerständen). Beide sind nicht als angeborene Begabungen zu verstehen, sondern als Fähigkeiten, die zunächst durch Erziehung veranlagt und später durch Selbsterziehung des erwachsen gewordenen Menschen weiter entwickelt werden können.

Pädagogische Gesundheitsförderung

Das Konzept der Waldorfpädagogik entspricht einer pädagogisch bewirkten Gesundheitsförderung, wobei Gesundheit nicht als Abwesenheit von Krankheit verstanden wird, sondern als Anwesenheit eines schöpferischen Potentials an leiblichen, seelischen und geistigen Entfaltungsmöglichkeiten, die es dem Menschen erlauben, das eigene Schicksal kreativ in die Hand zu nehmen und dadurch immer mehr er selbst zu werden, ein Individuum mit unverwechselbarer, einmaliger Signatur.

Fundamente für lebenslange Lern - und Leistungsfähigkeit legen

Um das gesundheitliche Fundament für lebenslange Lern- und Leistungsfähigkeit zu sichern, legt die Waldorfpädagogik großen Wert darauf, dass das schulische Lernen erst dann beginnt, wenn das Kind sich auf eine ausreichend entwickelte Organisation stützen kann, die als verlässliches, belastbares Instrument zur Verfügung steht. Sie geht davon aus, dass diejenigen Kräfte, die im Kleinkindalter als organbildende und gestaltgebende Kräfte in der leiblich-körperlichen Organisation wirksam sind, unge-fähr ab dem siebten Jahr in verwandelter Form zur Verfügung stehen, nämlich als gedankliche und gedächtnismäßige Kräfte, mit denen das Schulkind sich Begriffe und innere Vorstellungen bilden kann.

Jede vorzeitige Inanspruchnahme dieser Kräfte für intellektuelle Tätigkeiten zieht sie von der Ausgestaltung der körperlich-leiblichen Organisation ab. Dies kann daher eine langfristige Schwächung der Konstitution bewirken. Das sollte vermieden wer-den.

Nachreifung ermöglichen

Das Ziel, dass dem Kind bei Beginn der Schulzeit die leibliche Organisation als verlässliches und belastbares Instrument zur Verfügung stehen sollte, wird in der heutigen Zeit oft nur unzureichend erreicht. Schulärzte und Schulaufnahmegremien, aber auch Erzieherinnen und Erzieher in den Kindertagesstätten konstatieren immer häufiger Dissoziationen: Intellektuell sind manche Kinder bereits schulfähig, physiologisch, psychisch und sozial aber noch längst nicht.

Waldorfpädagogik bemüht sich, sowohl im Kindergarten- wie im Schulbereich Wege zu finden, um den Kindern in geeigneter Weise eine Nachreifung der noch zurück-gebliebenen Fähigkeiten zu ermöglichen. Das gilt auch für die Defizite in der Sprachentwicklung, von denen heute immer mehr Kinder betroffen sind.

Entwicklungs - Metamorphosen und altersgemäßes Lernen

Waldorfpädagogik sieht in der Entwicklung des Kindes keinen linearen Prozess, der ein möglichst frühes Trainieren der für das Erwachsenenalter angestrebten Fähigkeiten sinnvoll erscheinen lassen würde, sondern eine Abfolge völlig eigenständiger Entwicklungsphasen, die sich als Schritte der Verwandlung (Metamorphose) darstellen und jeweils ihr eigenes Recht verlangen.

Das bedingt, dass für den Elementarbereich pädagogisch ganz andere Bedingungen geschaffen werden müssen als für den Primärbereich: Für das kleine Kind ist das Bedürfnis nach leiblich-körperlicher Erfahrung hervorstechendes Merkmal, für das schulfähige Kind das Bedürfnis nach seelischer und zunehmend auch gedanklicher Durchdringung der Welt; jene Phase ist beherrscht vom impliziten Lernen, diese vom expliziten Lernen.

Waldorfpädagogik bemüht sich, diesen anthropologischen Entwicklungsgesetzmäßigkeiten bis in alle Details der Umgebungsgestaltung hinein Rechnung zu tragen.

Vom Lernen mit der Hand zum Lernen mit dem Kopf

Waldorfpädagogik folgt dem Grundsatz, dass die kognitiven und intellektuellen Fähigkeiten des Schulkindes über konkrete Tätigkeiten des Kleinkindes veranlagt wer-den, über das Erwerben von Geschicklichkeit und durch das aktive Miterleben sinnvoller Arbeits- und Lebensprozesse. Dem Lernen mit dem Kopf geht das Lernen mit Herz, Hand und Fuß, das im Kindergarten und in der Grundschulzeit im Vordergrund steht, voraus.

Wurde dem Kind ausreichend Gelegenheit gegeben, sich durch unmittelbar körperliche, sensorische und motorische Tätigkeiten mit den Gegenständen, Vorgängen und Tatsachen seiner Lebensumwelt vertraut zu machen und sich mit ihnen auch in sei-ner Gefühlssphäre innig zu verbinden, stärkt das im salutogenetischen Sinne die Kohärenzerfahrung und damit die Basis für ein künftiges initiativfreudiges, kreatives Gestalten der Welt, für Entdeckerfreude und Lernfähigkeit. Es gehört daher zu den Aufgaben der Erzieherinnen und Erzieher, nicht nur den inneren, sondern auch den äußeren Entwicklungsraum für die Kinder so zu gestalten, dass die Individualität in vielfältiger Weise angeregt wird, auf allen Ebenen - leiblich, seelisch und geistig - die eigenen Kräfte zu aktivieren.

Vermittlung ethischer und sozialer Werte durch das tätige Vorbild

Zu den pädagogischen Elementen, die dem kleinen Kind Lebenssicherheit und inneren Halt geben, gehören neben der emotionalen Zuwendung der Erwachsenen auch die Vermittlung ethisch-moralischer Qualitäten, das verbindliche Setzen von Regeln und Grenzen, das Wahrnehmen guter Umgangsformen und Konfliktlösungsstrategien. Waldorfpädagogik versucht das alles nicht auf dem Wege der Reflexion und Diskussion an die Kinder der Elementarstufe heranzutragen, sondern indem die gewünschten Qualitäten durch das Vorbild der Erwachsenen gelebte Wirklichkeit sind, die das Kind als selbstverständliche Tatsache in seiner Lebensumgebung vorfindet und sich durch die Nachahmung zu eigen macht. Begegnen die Erwachsenen jedem Kind mit Respekt und Wertschätzung, mit Toleranz und Einfühlungsvermögen, so wirkt das unmittelbar auf das Verhalten des Kindes und wird zur Gewohnheit. Ebenso erwartet das Kind die Einhaltung von Regeln und Verabredungen und er-fährt durch deren Ausführung im praktischen Vollzug, was es bedeutet, sich in eine soziale Gemeinschaft einzuordnen.

Darüber hinausgehend ist es der Waldorfpädagogik ein Anliegen, durch die bewusste Pflege von Riten, durch das Feiern jahreszeitlicher Feste, durch Singen und Musizieren, durch das Einstudieren kleiner Theaterspiele, durch das tägliche sich Versammeln zum Anhören einer Geschichte nicht nur das Gemeinschaftserlebnis zu stärken, sondern auch die seelische Erfahrungswelt der Kinder anzuregen und zu bereichern. Bildhaftkonkrete Darstellungen, wie sie im Märchen, in Legenden oder kleinen Spielen aus der christlich-abendländischen Tradition zu finden sind, er-schließen dem Kind ohne verbale Belehrung den Aufblick zu den höheren Schichten und Fragen menschlicher Existenz, zu den Fragen nach dem Woher und Wohin, nach dem Sinn des Lebens. Diese Tätigkeiten sollen so gestaltet werden, dass sie immer offen sind für das, was Kinder aus anderen Kulturkreisen und anderen Religionsgemeinschaften mitbringen. Das gegenseitige Kennenlernen unterschiedlicher Traditionen und Religionen in der menschlich-konkreten Begegnung gehört zu den erklärten Zielen der Waldorfpädagogik.