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Das freie Spiel als entwicklungsfördernde Aktivität

Pädagogische Aspekte

Das Spiel des kleinen Kindes unterscheidet sich deutlich von dem des älteren Kindes und erst recht von dem des Erwachsenen. Es würde gründlich missverstanden, woll-te man es als eine Art „Freizeitbeschäftigung“ ansehen. Spiel ist für kleine Kinder Arbeit, mit der sie sich die Welt zu eigen machen. Deshalb wird dem kindlichen Spiel in der Waldorfpädagogik große Aufmerksamkeit gewidmet. Denn in keiner anderen Tätigkeit kann das Kind seine Selbstbildung so umfassend verwirklichen: Hier wer-den einerseits sämtliche Lebenskompetenzen grundlegend geübt, angefangen von den vielfältigsten motorischen und sensorischen Fähigkeiten bis hin zu umfassender Welterfahrung und sozialen Lernmöglichkeiten. Andererseits bietet das freie Spiel eine hervorragende Grundlage für die Entfaltung und Verwirklichung der kindlichen Individualität.

Mit dem gleichen Ernst, mit dem das Kind in seinem Spiel lebt, kann es sich später als Erwachsener mit seiner Arbeit verbinden. Der Unterschied zwischen dem Spiel des Kindes und der Arbeit des Erwachsenen besteht nur darin, dass sich die Arbeit in die äußere Zweckmäßigkeit der Welt einfügen muss, das Tun des Kindes aber auf Impulsen beruht, die aus seinem Inneren aufsteigen und völlig zweckfrei ausgeführt werden dürfen. Das freie Spiel, wie es hier gemeint ist, sollte unbeeinflusst von lehrhaften und reflektierenden Eingriffen der Erwachsenen bleiben und sollte auch von Seiten des Spielmaterials möglichst wenig vorbestimmt sein, damit das Kind, getaucht in die schöpferische Phantasie des Augenblickes, den Dingen der Welt von innen heraus ihre Bedeutung geben kann. Hier erprobt es Freiheit, Autonomie und Selbstverwirklichung, indem es ganz aus eigenem Antrieb handelt und die Werte und Regeln selbst bestimmt.

Im Spiel wird dem Kind Gelegenheit gegeben, die täglichen Erfahrungen, die es in seiner Umgebung macht, aus eigenem Willen zu ergreifen und im nachahmenden Tun kreativ zu verarbeiten, zu üben und sich zu eigen zu machen. Traumatische Erlebnisse, Hemmungen, Aggressionen oder Ängste können abgebaut und in positive Kräfte umgewandelt werden.

Formen des Spiels im Entwicklungsgang des Kindes

Das freie Spiel verwandelt sich in seiner Eigenart durch die einzelnen Altersstufen hindurch und spiegelt dadurch den Entwicklungsgang des Kindes:

In den ersten ein bis zwei Lebensjahren entdeckt das Kind zunächst spielend seinen eigenen Körper. Hände und Füße werden ertastet, die motorischen Fähigkeiten er-probt, die Koordination zwischen Auge und Hand sowie zwischen Rechts und Links immer weiter verfeinert. Sobald das Kind laufen kann, ergreift es mit größter Lust alle Gegenstände seiner Umgebung, betastet und erkundet sie und führt damit teilweise auch Bewegungen aus, die es am arbeitenden Erwachsenen, in seinen Gesten und Gebärden, wahrgenommen hat. Im freudigen eigenen Tun erwacht der Sinn für die Bedeutung der Dinge und ihre Zusammenhänge. Jede Art von Bemühung, dem Kind den Zweck der Tätigkeit durch Belehrung nahe zu bringen, würde es eher zu einem distanzierten Verhältnis veranlassen statt das innige, spontane Verbundensein mit den Dingen zu fördern, das charakteristisch ist für das unbewusste Lernen der ersten Lebensjahre.

Im zweiten bis vierten Lebensjahr, nachdem das Kind sich frei im Raum bewegen kann, ändert sich das Spielverhalten deutlich. Mit unerschöpflichem Einfallsreichtum hebt es die Zweckbestimmung von Gegenständen auf und gibt ihnen überraschend eine neue, ganz andere Bedeutung. Der Kochlöffel beispielsweise dient plötzlich zum Telefonieren, die Fußbank wird zum Motorrad oder zum Puppenbett, zu einem Zugabteil oder zu einem Herd.

Aber nicht nur der Umgang mit den Dingen ändert sich, sondern auch der Spielverlauf selbst nimmt immer wieder neue Formen an, sobald neue Eindrücke aus dem Umfeld dazu anregen.

Gegenstände und Ereignisse in seiner Umgebung sind dem Kind willkommene Anlässe, die Kräfte seiner Phantasie zu betätigen; es will verwandeln, ergänzen, neu schaffen, über das Vorgegebene hinausgehen. Sein Horizont erweitert sich dabei kontinuierlich, die Wahrnehmungen verknüpfen sich mit Gefühlen und Gedanken; Sinnzusammenhänge werden erfasst.

Im fünften bis sechsten Lebensjahr lässt sich wieder eine deutliche Veränderung im Spielverhalten bemerken. Waren es bisher die äußeren Eindrücke und Erlebnisse, die das Kind zum Spielen anregten, so kommen die Anregungen jetzt zunehmend von innen, aus den Bildern des eigenen Vorstellungs- und Erinnerungsvermögens. Der Gedanke geht dem Willen voraus, indem das Kind zuerst Pläne macht, die dann zielgerichtet ausgeführt werden.

Das Spielmaterial bleibt das gleiche wie vorher, doch legen die Kinder jetzt Wert darauf festzustellen, dass die von ihnen phantasievoll aufgebaute Welt der realen Welt vollkommen gleicht, indem sie die benutzten Gegenstände zu „echten“ Gegenständen erklären. So verwandelt sich z.B. ein Kinderbesen, durch einen Korbgriff gesteckt und mit Bindfaden umwickelt, in einen Außenbordmotor, der „echt funktioniert“, wenn sich der Besen dreht.

Das Spiel wird auf dieser Stufe zunehmend gesellig und der Spielverlauf kontinuierlich. Ganze Handlungsabläufe können erinnert und nachvollzogen werden. Die Kinder weisen sich jetzt bestimmte Rollen zu und stellen selbst Regeln auf, an die sie sich halten. Über mehrere Tage können sie solche Spielthemen fortsetzen. Oft wissen die Kinder schon, bevor sie im Kindergarten ankommen, was sie spielen wollen.

Bildung ethisch - moralischer Werte durch das freie Spiel

Wenn dem Kind für das Durchlaufen der geschilderten Phasen des Spiels ausreichend Zeit und Ruhe gelassen wird, können sich Wille, Gefühl und Vorstellungsleben gesund entwickeln und eine tiefe Verbindung miteinander eingehen. Das Kind lernt nicht nur, den eigenen, von innen kommenden Impulsen treu zu bleiben und sie tätig in die Wirklichkeit umzusetzen, sondern auch zu fühlen, was es will und tut, und die Folgen immer besser zu überschauen. So entstehen aus dem Ernst des freien, schöpferischen Spielens Keime der Moralität und Besonnenheit: Freiheit paart sich mit persönlicher Verantwortung, schöpferische Phantasie mit Regelbewusstsein, Ich-Kompetenz mit Rücksichtnahme. Grundlegende soziale und moralische Fähigkeiten werden hier für das ganze spätere Leben veranlagt.

Spielanregung durch den Erwachsenen

Eine wichtige Voraussetzung für das Zustandekommen eines so inhaltvollen, reichen Spiels ist einerseits viel Zeit, Ruhe und positive fröhliche Stimmung sowie Spielmaterial aus der Natur, das keinen Zweck vorgibt. Zum anderen eine Umgebung, wo der Erwachsene in Gegenwart des Kindes Arbeiten verrichtet, die für das Kind durchschaubare, sinnvolle Zusammenhänge ergeben, weil sie den praktischen Zwecken des Lebens entsprechen. Das regt die Nachahmung an und weckt das Spielen, während inszenierte Beschäftigungen oder Lernprogramme nur die Zeit für freies Spiel beschneiden und dadurch verhindern, dass sich die individuelle schöpferische Initiative entfalten kann.