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Allgemeine Grundsätze

Waldorfpädagogik bemüht sich um eine umfassende Förderung und Entwicklung der im Kind veranlagten Fähigkeiten, bei gleichzeitiger Wahrung und Achtung der Persönlichkeitsrechte des Kindes. Sie orientiert sich an den entwicklungsphysiologischen und entwicklungspsychologischen Gegebenheiten der jeweiligen Altersstufe, modifiziert durch die individuellen Besonderheiten, und versucht dadurch zu einer nachhaltigen Gesundheit, Lern- und Leistungsfähigkeit beizutragen.

Waldorfpädagogik misst der Förderung von Kindern im ersten Jahrsiebt eine besondere Bedeutung bei. Sie sieht für diesen Bereich einen eigenen Bildungsauftrag, der sich von demjenigen der Schule vor allem dadurch unterscheidet, dass es hier durchweg um ein implizites Lernen geht, das sich ohne Reflexion unmittelbar aus dem Wahrnehmen der Umwelt und dem Mitvollzug ihrer Aktivitäten ergibt. Rückhaltlose Hingabe an die sinnlichen Eindrücke und tätiges sich verbinden mit der Welt liegen in der Natur des kleinen Kindes. Diese Eigenart ist die Grundlage seiner Selbstbildung und bedeutet, dass alles Lernen in diesem Alter ein ganzheitlicher und komplexer Vorgang ist.

Daraus ergibt sich, dass die einzelnen Bildungsbereiche, die im Folgenden getrennt beschrieben werden, in der Realität nie isoliert auftreten und auch nicht isoliert gefördert werden können, sondern sich vielfältig überschneiden und mischen. So wird z.B. beim Backen von Brötchen der Nahrungs- und Gesundheitsaspekt eine Rolle spielen, aber gleichzeitig wird die Motorik gefördert durch die Tätigkeit des Knetens, das mathematisch-mengenmäßige Vorstellen durch das Abmessen der Zutaten und die Menge der fertigen Brötchen, physikalisches Vorstellungsvermögen durch den Vorgang des Backens usw. Wird auch noch das Pflanzen, Pflegen, Ernten, Dreschen und Mahlen des Getreides mit einbezogen, so entsteht für das Kind aus der Wahrnehmung und der eigenen Tätigkeit ein Sinnzusammenhang, der ein Kohärenzgefühl vermittelt.

Ganz besonders gilt dies auch für den Bereich der moralisch-ethisch-religiösen Bildung, die in allem Tun und Arbeiten mit den Kindern anwesend sein sollte. Denn es ist nicht ein besonderer Inhalt, der hier in Betracht kommt, sondern die Frage, ob der Erwachsene in der Lage ist, eine Grundhaltung der Ehrfurcht authentisch vorzuleben, Andacht und Liebe als Lebenspraxis zu verwirklichen. Nicht Wissen, sondern das reale Erleben solcher Gesinnungen und Haltungen übt auf das kleine Kind eine zutiefst moralische Wirkung aus. Waldorfpädagogik verfolgt einen salutogenetischen Ansatz, indem sie Kohärenzerfahrungen und Resilienz-Entwicklung nach Kräften fördert. Die Voraussetzungen dazu werden geschaffen, indem alles daran gesetzt wird, gerade in der heutigen Zeit, die Kindern immer weniger Möglichkeiten zu Primärerfahrungen bietet, das kleine Kind eintauchen zu lassen in eine Fülle vielfältigster, wirklichkeitsgesättigter Tätigkeiten und Lebenszusammenhänge. Statt ihm die Welt durch technische Medien vorzustellen, wird die unmittelbare Erfahrung durch eigene Betätigung und Entdeckerfreude herausgefordert und damit die Selbstbildungsfähigkeit des Kindes gestärkt. Ebenso sieht die Waldorfpädagogik die Notwendigkeit, die spätere Fähigkeit zu gedanklicher Reflexion und intellektueller Urteilsbildung gerade dadurch zu fördern und zu stärken, dass sie im Elementarbereich noch nicht herausgefordert wird. Das Kind belehrt sich selbst an den von den Erwachsenen gestalteten Tatsachen und Verhältnissen seiner Umwelt. Erst wenn es eine gewisse Entwicklungsstufe gegen Ende des ersten Jahrsiebts erreicht hat, haben bewusste Reflexion und gedankliche Arbeit ihren berechtigten Platz im Lernprozess.