Sie sind hier: Kindergarten / Pädagogik / Bewegung und Gesundheit
...

Pädagogische Aspekte

Immer in Bewegung, aktiv mit dem ganzen Körper und allen Sinnen, erschließt sich das kleine Kind seine Welt. In keinem Lebensabschnitt haben Bewegung und sinnliche Erfahrung eine so überragende Bedeutung wie in den ersten Lebensjahren. Denn jede Tätigkeit, sei sie motorischer oder sensorischer Art, schlägt sich beim heran-wachsenden Kind in neurologischen Strukturen nieder. Fortwährende Bewegung stärkt die Fähigkeiten der Leibesbeherrschung und legt damit die wichtigsten Grundlagen für ein positives Körpergefühl, für gesunde Leibesentwicklung, für eine ausdrucksstarke Seelenfähigkeit. Welt- und Selbsterfahrung erhalten hier ihr Fundament. Die ganze Biographie wird dadurch geprägt.

Bewegungs - und Leibesentwicklung des Kindes

Im ersten und zweiten Lebensjahr erobert das Kind seinen Leib. Es beginnt mit der ersten Koordination der Augen und der Kontrolle der Kopfbewegungen, geht weiter zum Spiel mit den eigenen Händen, später auch mit den Füßen, dann zum Rollen, Robben, Krabbeln, Sich-Aufrichten und Gehen. Parallel zu diesen intensiven, wenn auch unbewussten sensomotorischen Leistungen des Kindes reifen die Sinnesorgane und die Struktur des Nervensystems aus, und sie bilden, wie hinlänglich bekannt, die Grundlage für Sprachfähigkeit und Denkfähigkeit.

Bis zum fünften Lebensjahr gewinnt das Kind Sicherheit im Gleichgewichthalten, kann Treppen steigen, ausdauernd gehen, hüpfen, springen, sich aus- und anziehen. Über die immer bewusster werdende Wahrnehmung übt es gezielt seine Bewegungsfähigkeiten bis in die Fuß-und Fingerspitzen hinein und besitzt jetzt die Geschicklichkeit, die z.B. für das Binden von Schleifen oder das Einfädeln von Nadeln notwendig ist. Das Fußgewölbe und die Schwingung der Wirbelsäule sowie die Rundung des Brustkorbes bilden sich aus, Herzrhythmus und Atmung werden stabil. Im sechsten und siebten Lebensjahr erwirbt das Kind eine zunehmend differenzierte Feinmotorik und Koordination seiner Arme, Hände, Beine und Füße, der gesamte Körper findet zu einem sicheren Bewegungs- und Gleichgewichtsvermögen. Die Gliedmaßen gestalten sich aus und erhalten eine neue Proportion zum übrigen Leib. Die geschilderten Phänomene sind der sichtbare Ausdruck einer immer größeren Reifung des zentralen Nervensystems und -mit ihr einhergehend- auch des Bewusstseins; seelisch- geistige Fähigkeiten wachsen heran. Die Beobachtung der Bewegungs- und Leibesentwicklung kann den Erzieherinnen und Erziehern helfen, dem Kind die richtigen Entwicklungsanregungen zu geben, oder auch therapeutische Hilfen einzusetzen, wenn ein Schritt unvollständig oder verzögert geschieht. Ferner kann die Beobachtung und Beurteilung des körperlichen Ausreifens eine Hilfe sein bei der Entscheidung, wann bei dem einzelnen Kind die Reife für schulisches Lernen erreicht ist. Denn in dem Maße, in dem der Leib ausreift, werden seelisch-geistige Kräfte frei, der Übergang vom impliziten zum expliziten Lernen wird voll-zogen.

Die skizzierte Entwicklung drückt sich u.a. auch in den Kinderzeichnungen aus, deren Motive zwar altersabhängig sind, aber bei allen Kindern über die Welt hin in gleicher Art in Erscheinung treten. In ihnen kommt eine allgemeine Gesetzmäßigkeit zum Ausdruck, die zur Einschätzung des Entwicklungsstandes eines Kindes mit herangezogen werden kann, vorausgesetzt, die Zeichnung entstand wirklich frei, unabhängig von äußeren Vorgaben oder Aufforderungen, aus dem inneren Impuls des Kindes selbst.

Bildung ethisch - moralischer Werte durch Bewegungskultur

Nur eine sinnvolle, zielgerichtete Bewegung hat bildenden Wert für die Entwicklung des Kindes. Sinnloses Toben und Rasen wirkt sich eher negativ aus und ist nicht geeignet, das Gehirn zu strukturieren. Daher ist es für das kleine Kind entscheidend, dass es beim Erwachsenen in reichem Maße von innen geführte, seelisch belebte Bewegungen wahrnimmt, die es nachahmen kann. Das hilft ihm, seinen eigenen Bewegungsorganismus immer differenzierter zu durchdringen und zur vollen Funktionstüchtigkeit auszubilden. Aus dem erreichten Können erwachsen Freude, Kraft und Zuversicht, aber auch Handlungskompetenz und Frustrationstoleranz, Eigenschaften also, die den heranwachsenden Menschen befähigen, mit großer Positivität auf die Welt zuzugehen und in ihr sinnvoll zu wirken.

Zugleich wird aber auch der moralische Sinn des Kindes angeregt: Gesten und Gebärden, Mimik und Körpersprache des Erwachsenen sind für das Kind untrügliche Zeichen für die Gesinnung, die im Erwachsenen lebt. Mag er sich auch noch so bemühen, negative Motive zu verbergen, so spürt das Kind anhand der Bewegungen doch genau den Bruch zwischen äußerem Anspruch und innerer Realität. Der Sinn für Wahrhaftigkeit wird dadurch geschult, lange bevor das Kind Fragen der Moralität bewusst reflektiert.

Unterstützung der Bewegungsentwicklung durch den Erwachsenen

ie Leibes- und Bewegungsentwicklung wird für das Kind gesund verlaufen, wenn es genügend Bewegungsraum hat, Zeit zum ungestörten Üben, und dazu natürliches Material zum Spielen, Bauen und „Arbeiten“. Eine Grundbedingung ist allerdings, dass wir ihm gestatten, die einzelnen Entwicklungsschritte und Erfahrungen in dem Tempo zu durchlaufen, das seiner Individualität gemäß ist. Das Kind sollte sich da-bei getragen fühlen von der liebevollen Zuwendung der Erwachsenen. Sie stärkt die harmonische Ausbildung seiner Kräfte.

Eine große Hilfe sind für Kinder ferner rhythmisch wiederholte Abläufe und sinnvoll geordnete Tätigkeiten, die sich durch ihre regelmäßige Wiederkehr einprägen und dadurch ordnend und strukturierend auf die Leibbildung wirken. Nicht zuletzt aus diesem Grunde wird im Waldorfkindergarten und der Waldorfkinderkrippe Wert gelegt auf einen stets ähnlich wiederkehrenden Tageslauf und Wochenrhythmus, auf ein regelmäßig wiederkehrendes Angebot an Fingerspielen, Handgestenspielen, Reigenspielen, Reimen und Liedern, die von den Kindern mit- und nachgespielt werden können. Auch das Malen mit Wasserfarben und Wachsstiften, das Bienenwachskneten, Handarbeiten und Handwerken gehören dazu, sowie die Hilfe in der Hauswirt-schaft beim Waschen, Backen, Obstschneiden oder in der Gartenpflege. Das Spiel drinnen und draußen sowie regelmäßige Ausflüge in den Wald, möglichst bei jedem Wetter, geben vielfältige Gelegenheit für Bewegungsschulung und Bewegungserfahrung.