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Die ganze Weihnachtsgeschichte

Unseren Kindern, für die wir in der Schule die Spiele natürlich zur Hauptsache einstudieren, werden die heilsgeschichtlichen Vorgänge zunächst stufenweise dargeboten; das Christgeburtsspiel ab der 1. Klasse, das Paradeisspiel sehen die Schüler ab der dritten, das Herodesgeschehen erst ab der vierten Klasse, und kleinere Kinder im Vorschulalter dürften mit dem Anschauen unserer Krippe im Foyer noch ganz glücklich sein, wenn sie dabei eine passende Geschichte erzählt bekommen. So wachsen die Kinder heran mit unserer weihnachtlichen Schultradition, die das Eigentliche und Bedeutende der Evangelieninhalte ins Zentrum des Festes rückt und es zugleich spielerisch heiter präsentiert. Und wenn Schüler ab einem gewissen Alter die Spiele ablehnen, so sind sie hier doch mit der ernsten und wahrhaftigen Seite von Weihnachten in Auseinandersetzung, was ungleich viel mehr ist, als zu glauben oder zu bezweifeln, ob ein «Christkindchen» zum Fest der Liebe all die guten Gaben heranschaffe oder doch die Eltern aus christlicher Freude am Freudebereiten ein Schenken und Nehmen pflegen.

Unsere Kumpaneien spielen ,- entsprechend der ursprünglichen und sinnerfüllten Tradition - die vollständige Trilogie möglichst vor Weihnachten. Und wenn alle drei Spiele auf dem Programm stehen, so ist das nur dank spielbegeisterter Lehrer, Eltern und Schüler möglich, und oft bitten wir auch eine «befreundetete» anthroposophische arbeitende Institution (Schule, Christengemeinschaft, Dorfgemeinschaft Hohenroth ...) ein Spiel für uns einzustudieren. Das Anliegen, mit den Spielen auch in Gefängnisse, Krankenhäuser oder Altenheime zu gehen ist in den letzten Jahren kaum noch verwirklicht worden.

Da die Szenen durch vorbedeutende oder kommentierende Lieder in einen großen musikalischen Rahmen gestellt sind, kommt der Musikauswahl, Instrumentierung und den gesanglichen Einstudierungen eine große Bedeutung zu. Nachdem die in den 20er Jahren neu geschaffene Musik von Leo van der Pals aufgrund der Klavierbegleitung und eingängiger Melodien recht leicht zu inszenieren war und daher für viele Menschen bald aus lieber Gewohnheit den Charakter des Traditionell-Klassischen verkörperte, konnte die von E. Schaller in den 70 er Jahren wiederendeckte und behutsam restaurierte Musik des 16. Jahrhunderts sich erst in jüngster Zeit an einigen Schulen als Variante präsentieren. Man mag nun prüfen, welche Kompositionen dem Text zur angemessenen Wirkung verhelfen.

Wenn man sich überhaupt fragt, weshalb die Handlung immer wieder durch Lieder unterbrochen wird, bei denen oft die ganze Kumpanei einen Umzug durch den Saal macht, so ist festzustellen, dass die Musik in früheren Zeiten den edlen Zweck erfüllte, die Stimmung ins Festliche zu heben und das Bedeutsame zu unterstreichen. Zum anderen war bereits in den griechischen Schauspielen immer ein chorisches Element vorhanden, das den Zuschauer durch vorausschauende oder rückblickende Betrachtungen aus der Intensität des Geschehens herauslöste, d.h. der Zuschauer sollte seine geistige Freiheit bewahren und das Geschehen immer noch als ein «Spiel» erleben können. Dieses künstlerische Bestreben ist dem heutigen Publikum zumeist recht fremd, weil man es offenbar gerade liebt, von einem Film oder einer Show ganz in Bann gezogen zu werden.

Das mörderische Geschehen zur Herodes-Zeit, das an Grausamkeit kaum zu überbieten ist und doch ganz elementar zur Weihnachtsgeschichte gehört, wird in unserem dritten Spiel sehr wohl thematisiert, aber in einer Form, die es uns überläßt, wie weit wir uns in die Tragik dieser Ereignisse vertiefen wollen. Beispielsweise sind die Berichte der Kriegsknechte über ihre Bluttaten so schockierend und skurril zugleich, dass man an dieser Stelle in gewisser Weise lachen und auf der anderen Seite sogar «zartfühlendes» Mitleid für diese verderbten Kreaturen haben kann.

 

1. Spiel

Im Paradeisspiel erleben wir die erd- und menschheitsgeschichtliche Situation, wie die Einheit der menschlichen Wesenheit sich in einen Gegensatz des männlich-weiblichen spaltet und dadurch den Gefahren der Einseitigkeit und der Verfehlung ausgeliefert wird. In dieser Situation kann der Teufel den Eigensinn anstacheln, den Freiheitsdrang gegenüber der moralischen Instanz Gottvaters ausleben und sich wie ein Idol der modernen Unterhaltungsindustrie in einen Rausch der Eigenliebe und Selbstüberhebung steigern. Was wir hier in Gottvater, Engel, Teufel sowie Adam und Eva auf der Bühne vorgeführt bekommen, ist nicht nur ein Tableau kosmischer Ereignisse, die den in der Bibel geschilderten Engelsturz zur Voraussetzung haben, sondern auch ein Spiegel unserer heutigen Innerlichkeit, deren vollkommene moralische Anlage (die als Gottvaterkraft in jedem Menschen wirksam ist) durch äußere Anfechtungen und Verführungen überschattet, geschwächt und gebrochen wird. Wo etwa heutzutage die Produkte, die niemand braucht, mit zwielichtigen Methoden feilgeboten und meist in zweideutigen Anspielungen präsentiert werden, um die Menschen auf eindeutige Ziele hin zu polen und ebensolchen Zwecken unterzuordnen, da ist die urbildliche Verführungssituation des Paradieses als Karikatur immer gegenwärtig. Und wenn «God» den «Satan» am Ende in die Schranken weist, ist dies ein Bild für die Kraft, die als höheres Selbst in uns lebt und wirken muss, um die Freiheit des Menschseins zu garantieren. Die Freizügigkeit, die der Teufel als Freiheit propagiert, fällt in den Staub; aber das ist schon Zukunft wie auch das Bild der zerrissenen Ketten, die Adam beim Auszugslied als leichte Bürde über der Schulter tragen darf.

Um die Zartheit der ersten Menschheit und die Vollkommenheit ihrer höchsten Entwicklungsstufe irgendwie sinnfällig darzustellen, könnte man sich wünschen, dass mehr und mehr eurythmische Elemente in dieses Spiel einziehen möchten.

2. Spiel

Das Christgeburtspiel, das in die treue Wiedergabe der Weihnachtshistorie des Evangelisten Lukas recht frei die Hirtenszenen einfügt und diese stark im Lokalkolorit zeichnet, verbindet auf diese Weise höchste spirituelle Ereignisse mit humorträchtigsten Alltäglichkeiten. Die Hirten, die sich gleichsam von hier aus in «Oberufer-Würzburg» und stellvertretend für uns auf den Weg machen, korrespondieren als Dreiheit mit den Wirten, die den zukünftigen Heilsbringer bei der Herbergssuche nicht bei sich aufnehmen können, weil in ihnen die Schwächen der heutigen Menschen verkörpert sind, nämlich Verhärtung, Gier und Halbherzigkeit. Der Mensch ist der Wirt in seinem Leibeshaus und bestimmt selbst, welchen Geist er als Gast in seiner Seele logieren lässt: „I als a wirt von maner gestalt hob in mei haus und logament gewalt".

Besonders für jüngere Zuschauerseelen darf man es pädagogisch als ganz besonders wertvoll ansehen, wie hier das Geheimnis der Menschwerdung behandelt und ins Bild gesetzt wird; ist doch jede physische Geburt eines Menschenkindes in erster Linie ein geistiger Vorgang. Was Rudolf Steiner dazu bewogen hat, diese Spiele aus ältester Überlieferung den Gemütern des modernen Zeitalters anzuempfehlen, mag aus seiner Beschreibung der ästhetischen Wirkungen einzelner Personen und Szenen deutlich werden:

«In einem Wirtshaus waren die Aufführungen. Aber sowohl Spieler wie Zuschauer trugen in das Haus die herzlichste Weihnachtsstimmung hinein. - Und diese Stimmung wurzelt in einer echt frommen Hingebung an die Weihnachtswahrheit. Szenen, die zur edelsten Erbauung hinreißen, wechseln mit derben, spaßhaften. Diese tun dem Ernst des Ganzen keinen Abbruch. Sie sind nur ein Beweis dafür, dass die Spiele aus derjenigen Zeit stammen, in welcher die Frömmigkeit des Volkes so festgewurzelt im Gemüte war, dass sie durchaus neben naiver volkstümlicher Heiterkeit einhergehen konnte. Es tat zum Beispiel der frommen Liebe, in der das Herz an das Jesuskind hingegeben war, keinen Eintrag, wenn neben der wunderbar zart gezeichneten Jungfrau ein etwas tölpischer Joseph hingestellt wurde oder wenn der innig charakterisierten Opferung der Hirten eine derbe Unterhaltung derselben mit drolligen Späßen voranging. Diejenigen, von denen die Spiele herrührten, wußten, dass der Kontrast mit der Derbheit die innige Erbauung bei dem Volke nicht herabstimmt, sondern erhöht. Man kann die Kunst bewundern, welche aus dem Lachen heraus die schönste Stimmung frömmster Rührung holt und gerade dadurch die unehrliche Sentimentalität fernhält.»

(Aus dem Vorwort zur von Rudolf Steiner herausgegebenen
Textfassung)

 

3. Spiel

Für das Dreikönigspiel, das bei uns wie die beiden vorausgehenden auch eine Reihe von textlichen Richtigstellungen erfahren hat, die zurückgehen auf die von R. Marks anhand alter Quellen revidierte und ergänzte Textausgabe (Rudolf Steiner Verlag, 1997), haben wir zusätzlich alle Anspielungen wie «krippalein» und «stall» ersetzt, die an das im Christgeburtspiel erzählte Lukas-Evangelium erinnern. Über Könige oder Weise, Herodes und die Flucht nach Ägypten erfahren wir ja nur bei Mathäus, und dort ist lediglich vom Haus die Rede, in welchem ein Jesuskind zu finden sei. Um die beiden Evangelienspiele deutlich voneinander abzusetzen, wurde in diesem an Mathäus orientierten Drama auch der Josef anders gekleidet und statt des Wandersteckens mit einem Herrscherstab ausgestattet.

Als große Polarität ist in diesem Stück die hoffnungsvolle, lichtergebene, erkenntnisreiche Welt der weisen Könige gegen die in Furcht, Finsternis und Verblendung befangene Seite des Herodes herauszuarbeiten. Die Freude des dem roten König dienenden Pagi beim Anblick fremder Menschen kontrastiert herzerfrischend zu dem Misstrauen, das der Lakai des Herodes den Fremden aus dem Morgenland entgegenbringt; und wo der König Melchior voller Vertrauen dem Viligrazia die Regierungsgeschäfte in seiner Abwesenheit überantworten kann, muß Herodes sich die Dienste seines Hauptmanns mit harter Münze erkaufen. Die drei Könige werden vom Engel ans Ziel geführt, während Herodes sich aufgrund seiner von Selbstzweifeln geplagten Natur («unmutsvoll» also ohne Mut ist er oft) von der düsteren Magie des Teufels zu ungeheuerlichem Tun verleiten lässt.

Der Teufel dieses Spiels verkörpert im Gegensatz zu seinem geschmeidig verführenden Kollegen des Paradeisspiels mehr die verhärtende Seite des Bösen. Nicht die Lust auf neue Erlebnisse, sondern das bange Festhalten an Besitz und Macht rufen diesen Gesellen auf den Plan. Zwar darf der Herodesteufel auch den drei anderen Königen den Thron als Zeichen weltlicher Macht auf die Bühne schieben; deren Regiment aber ist gemildert durch den GIanz des Schönen, der Höflichkeit und des geistigen Strebens.

Der Materialist Herodes, der in seiner Verblendung glaubt, der Messias als geistiger Herrscher werde seinen Thron bedrohen, kann auch aus den mechanisch hergesagten Erklärungen der Schriftgelehrten nicht die Überzeugung gewinnen, dass Christi Reich eben nicht von dieser Welt ist.

Herodes geht ab mit dem Teufel, worauf der Hauptmann noch seinen Auftritt hat. In ehrlicher Reue fasst er den Entschluß: „Aber i wüll mi an meinem herrn kenig rächa und wüll mi mit diesem schwert erstecha." So muss die unselige Vererbung der Gewaltherrschaft durch selbstzerstörerische Gewalt ihr Ende finden. - Wenn dann die Kumpanei einstimmt in den Schlussgesang „Seid fröh und jubiliert", sollten auch wir hoffnungsvoll in ein gutes neues Jahr blicken dürfen.

Für Ihr Spiel erbitten die vielen an der Aufführung Beteiligten (fast 50 Personen für Schauspiel, Musik, Beleuchtung, Schminke, Schneidern, Souflieren ...) einen freiwilligen Obulus ins Körbchen, aus dem sie einen Teil zur Erhaltung der Requisiten verwenden und mit dem Rest pädagogische Einrichtungen in armen Ländern fördern.